Das bin ich! Eine persönliche Perspektive

Shownotes

In dieser Folge wird es persönlich. Ich erzähle meine Geschichte – von Sizilien nach Deutschland, durch das deutsche Schulsystem, und zurück zu denen, die das System vergisst. Meine Schulzeit: Anfang der 1960er Jahre zogen meine Eltern mit meinem Bruder und mir von Sizilien nach Mainz. Wir wurden ohne Sprachprüfung oder Vorbereitung eingeschult. Zu Hause sprachen wir Italienisch, in der Schule Deutsch. Meine Eltern konnten mir nicht bei den Hausaufgaben helfen – nicht nur, weil sie kein Deutsch sprachen, sondern weil sie selbst kaum lesen und schreiben konnten. Integration war damals nicht vorgesehen. Das sogenannte Rotationsprinzip galt: Gastarbeiter sollten nach 1-2 Jahren zurückkehren. Niemand schuf Strukturen, um uns wirklich aufzunehmen. Ich wiederholte die zweite Klasse. Mein Bruder kam besser durch – dem Fußball sei Dank. Ich verließ die Schule nach der achten Klasse ohne Abschluss. Der Weg zurück: Aber der Wille, es doch zu schaffen, ließ mich nie los. Schritt für Schritt holte ich alle Abschlüsse nach, studierte Biologie, Erdkunde und Italienisch für das gymnasiale Lehramt, absolvierte mein Referendariat in Darmstadt. Nach dem Referendariat 1992 stand ich ohne Anstellung da. Zwei Jahre Arbeitslosigkeit. Ich arbeitete in der Marktforschung, in der Personalabteilung, leitete eine Schulungsabteilung, machte eine Weiterbildung im Personalmanagement – und bekam schließlich einen Honorarvertrag an der Volkshochschule Darmstadt-Dieburg. Die prägende Erfahrung: An der VHS unterrichtete ich Jugendliche und Erwachsene, die ihren Hauptschulabschluss nachholten. Mit Struktur, Unterstützung und echter Zuwendung. Neben dem abendlichen Fachunterricht gab es einmal im Monat ein erlebnispädagogisches Wochenende – gemeinsam lernen, lachen, wandern, kochen. Die Kosten wurden komplett von der VHS übernommen. Das war die Zuwendung, die diese Menschen nie erhalten hatten. Und wir hatten große Erfolge. Alle schafften ihren Abschluss. Parallel dazu unterrichtete ich zwei Jahre im Gefängnis – erwachsene Strafgefangene, die ebenfalls den Hauptschulabschluss nachholten. Diese Erfahrungen haben mich tief geprägt. Sie zeigten mir, welche Verantwortung unser Bildungssystem trägt – und welche tiefen Wunden Schule im Leben eines Menschen hinterlassen kann. 52.000 Jugendliche ohne Abschluss – jedes Jahr: Wenn wir bedenken, dass jedes Jahr rund 52.000 Jugendliche in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlassen, sollte uns das aufrütteln. Wer sich nicht gesehen fühlt, wird laut oder zieht sich für immer zurück. Ein Bildungssystem, in dem das Scheitern mancher als unvermeidlich gilt, muss grundlegend überdacht werden. Niemand darf zurückgelassen werden. Das muss unser Leitbild sein. Drei Generationen, drei Perspektiven: Ich erzähle auch von drei Generationen Migration:

Die erste Generation kam als Arbeitskraft, nicht als Teil der Gesellschaft. Geduldet, aber nicht eingebunden. Die zweite Generation wuchs zwischen zwei Welten auf. Die Frage "Wo gehöre ich hin?" begleitet viele von uns immer noch. Die dritte Generation stellt diese Frage nicht mehr. Sie lebt ihre Identität selbstverständlich – italienisch und deutsch, verwurzelt und zugehörig.

Warum ich diesen Podcast mache: Ich kenne beide Seiten des Systems: die der Aussortierten und die der Verantwortlichen. Ich weiß, was es bedeutet, nicht gesehen zu werden. Und genau deshalb sage ich: Wir dürfen niemanden zurücklassen. Was wir brauchen, ist eine Schule, die zuhört, die verbindet, die einbezieht – und die niemanden aufgibt.

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